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Seit über fünf Jahren sind Wissenschafter der Universität Lübeck den Antworten auf diese Frage auf der Spur. Das Team aus Psychiatern, Neurologen, Pharmakologen und Mathematikern fokussiert unter Leitung des Internisten Prof. Achim Peters mit ihrer Selfish Brain Theorie die Bedeutung des Gehirns und seines Energiestoffwechsels für die Entstehung von Übergewicht, Adipositas und Diabetes mellitus Typ2.
Erfolgreiches Gewichtsmanagement gelingt nämlich ihrer Meinung nach nur mit Köpfchen. Damit ist nicht gemeint, dass nur gescheite Leute den Zeiger auf der Waage in die gewünschte Richtung lenken.
Vielmehr dürfte unser Denkorgan als übergeordnete Instanz neben Blutzuckerregulierung und Fettstoffwechsel die Energieverteilung im Körper steuern. Dabei agiert es eigennützig und zwingt uns, wenn die neurobiologische Feinabstimmung im Steuerungssystem nicht funktioniert, zum übermäßigen Essen, indem es unaufhörlich Energie anfordert.
Peters liefert damit Erklärungsansätze für komplexe Zusammenhänge, die vor allem jenen helfen, die sich von ihrer Umwelt oft unverstanden fühlen. "Du bist einfach zu schwach". "Mit ein bisschen Durchhaltevermögen würdest Du es schaffen". Diese Aussagen treffen Abnehmwillige tief in der Seele. Denn viele bemühen sich seit Jahren ihr Zielgewicht zu erreichen und zu halten.
So mag es beruhigen, dass die Ursache von Übergewicht in einer Störung der neuronalen Kontrollmechanismen liegen könnte und man deshalb willensschwach erscheint.
Die Selfish Brain Theorie geht davon aus, dass das Gehirn primär darauf abzielt, die eigene Energieversorgung mit Glukose (Traubenzucker) sicher zu stellen. Dabei konkurriert es mit allen anderen Organen wie Muskeln oder Fettgewebe und kontrolliert die Energieverteilung im Körper. Erst wenn das Gehirn "satt" ist, lässt es anderen Organen Glukose als Energiequelle zukommen.
Dazu muss man wissen, dass der Energiebedarf des Gehirns enorm ist. "Zwar macht es nur zwei Prozent unseres Körpergewichts aus, beansprucht aber die Hälfte des täglichen Glukosebedarfs, in Stresssituationen sogar bis zu 90 Prozent", erklärt der Experte.
Und das Gehirn ist schlau. Zur optimalen Versorgung bedient sich es sich nämlich gleich zweier Mechanismen. Einerseits werden Energieressourcen durch die im Fachjargon genannte Allokation zwischen Gehirn und Peripherie verteilt, wobei Muskulatur, Bauchspeicheldrüse (Pankreas), Fettgewebe und Leber dafür sorgen, dass das Gehirn genug Glukose bekommt. Unter Stress werden zusätzlich Hormone eingeschaltet, die noch mehr Zucker aus den Körperdepots anfordern.
Ist der Stress vorbei, wird der Verteilungsmechanismus zugunsten des Gehirns zurückgeschraubt. Mit dem Befehl die Energiereserven im restlichen Körper wieder aufzufüllen, wird genau so viel Energie aufgetankt, wie vorher verbraucht wurde. Dieser Nachschubmechanismus wird Ingestion genannt.
Sind also Energieverbrauch, Energieverteilung und Nahrungsaufnahme im Gleichgewicht, gibt es auch kein Gewichtsproblem. Bei Übergewichtigen jedoch ist die Feinabstimmung und so der Verteilungsmechanismus aus den Fugen geraten.
Durch Störungen der Hirnregionen Amygdala, Hippocampus und Hypothalamus gelangt immer nur ein geringer Teil der Energie zum Gehirn. Der überwiegende Teil sammelt sich im Fett- und Muskelgewebe an und das stets hungrige Gehirn ruft nach mehr.
Diese Energielücke versucht es durch den Befehl zur gesteigerten Nahrungsaufnahme zu füllen. Doch auch diesmal kommt das Gehirn zu kurz und so entsteht ein Teufelskreis mit immer stärker anwachsenden Fettdepots und einem nicht satt werdenden Gehirn. Letztlich wird gegessen und gegessen, obwohl man mit funktionstüchtigen Stellmechanismen bereits längst genug haben müsste.
Durch bereits gefüllte Energiespeicher im Körper kann es schließlich dazu kommen, dass sich mit der Nahrung aufgenommene Glukose im Blut anreichert und Diabetes mellitus Typ 2 entsteht.
Die Wissenschafter unterscheiden demnach das "selfish brain with high fitness", das selbst in Zeiten knapper Nahrungsmittel und auf Kosten der Körpermasse die körpereigenen Energiereserven anzapfen kann, vom "selfish brain with low fitness", das dies nicht in ausreichendem Maße kann, sondern zusätzliche Nahrung aufnehmen und die Entstehung von Übergewicht und Adipositas in Kauf nehmen muss.
Die Ursachen für ein wenig fites Gehirn sehen sie weniger in genetischen, sondern vielmehr in erworbenen Faktoren. Damit sind psychische Beeinträchtigungen wie Depressionen, Umwelteinflüsse wie die Werbung, der Lebensstil aber auch Stress gemeint. Und bestimmte Substanzen wie Antidepressiva, Drogen, Alkohol, Pestizide, Süßstoffe oder Viren stehen in Verdacht Falschsignale ans Gehirn abzugeben.
Den Ausweg aus dem Dilemma sieht Peters vor allem in einem Gehirntraining. So lautet auch der Titel des entwickelten internistisch-verhaltenstherapeutisches Programms Train the Brain. Denn unser Gehirn ist lernfähig. So kann es gelingen sein emotionales Gedächtnis im Umgang mit Stress und Konflikten umzutrainieren.
Sich mit Problemen auseinanderzusetzen, statt sie runterzuschlucken ist eine Komponente dabei und wieder die Vielfalt sozialer Interaktionsmöglichkeiten auch in Stresssituationen zu aktivieren. "Damit Essen ohne Hunger nicht die monotone Antwort auf jedes Problem bleibt", erklärt Peters und es das Gehirn wieder schafft Körperreserven anzuzapfen, statt eine vermehrte Nahrungsaufnahme einzufordern.
Mehr zur Psychologie des Essens können Interessierte im Tagungsband "Wenn der Bauch beim Essen denkt" anlässlich der Jahrestagung 2009 des Verbands der Ernährungswissenschafter Österreichs (VEÖ) nachlesen. (Doris Passler)
